Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kam er in ein Dorf. Dort nahm ihn eine Frau als Gast bei sich auf. Ihr Name war Marta. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Die setzte sich zu Füßen des Herrn nieder und hörte ihm zu. Aber Marta war ganz davon in Anspruch genommen, sie zu bewirten. Schließlich stellte sie sich vor Jesus hin und sagte: »Herr, macht es dir nichts aus, dass meine Schwester mich alles allein machen lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!« Aber der Herr antwortete: »Marta, Marta! Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles. Aber nur eines ist notwendig: Maria hat das Bessere gewählt, das wird ihr niemand mehr wegnehmen.«
Ihr Lieben! Der Bericht aus der Bibel, den wir eben gehört haben, passt wie die Faust aufs Auge unserer Zeit. Marta ist genauso wie wir modernen, westlichen Menschen: immer beschäftigt, immer unter Zeitdruck und keine Zeit fürs Wesentliche. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen von Euch ganz ähnlich geht: dieses Gefühl, unter Zeitdruck zu stehen, immer in Eile, immer an den nächsten Termin denken. Man hat das Gefühl: ich habe einfach keine Zeit.
Der Marta in der Bibel ging es so. Schauen wir uns die Geschichte einmal genauer an. Das ist also Marta. Wir kennen sie auch aus anderen Berichten der Evangelien. Marta war offenbar eine Anhängerin von Jesus, aber eine von denen, die nicht mit ihm herumzogen, sondern an ihrem Wohnort blieben. Sie wohnte in Bethanien, in der Nähe von Jerusalem. Irgendwie kriegt sie mit, dass Jesus mal wieder in der Nähe ist und jetzt lädt sie ihn ein.
Stellt Euch mal vor, wie das war! Wenn Jesus kam, dann kam er ja nicht allein. Da waren seine Jünger, da waren Neugierige. Jesus bringt einen ganzen Tross von Leuten mit ins Haus. Da sitzen 10, 15 Mann im Wohnzimmer. Lauter Leute, die einen langen Fußmarsch hinter sich haben. Verstaubt, durstig und mit Bärenhunger.
Es heißt im Text: „Marta war ganz in Anspruch davon genommen, sie zu bewirten.“ Das kann man sich gut vorstellen. Marta hatte wohl noch ein paar Mägde und vielleicht noch einen Laufburschen. Aber sie muss natürlich alles selbst organisieren. Und da kriegt sie richtig Stress. Man muss so viel auf einmal machen! Zum Brunnen laufen, Krüge mit Wasser bringen. Die Gäste müssen doch trinken und sich die Hände und Füße waschen. Das Geschirr ist noch schmutzig und muss abgewaschen werden. Außerdem ist es viel zu wenig. Schnell zur Nachbarin und sie um ein paar Becher und Teller bitten! Die 2 Brote, die Marta noch liegen hat, reichen nicht aus. Also rasch etwas nachbacken: Holz klein machen und den Ofen anschmeißen, Teig kneten. Und der Herr – der soll doch auch mal Fleisch zu essen bekommen. Die Ziege muss geschlachtet werden. Wo ist die nur gerade? Der Bursche muss los und sie holen. Und die Linsen müssen gewaschen und gekocht werden. Jetzt für den ersten Hunger schon mal Feigen, Oliven und Schafskäse auf den Tisch bringen. Und das Brot im Ofen – das darf nicht verbrennen!
Was für ein Stress! Könnt Ihr Euch vorstellen, wie es ihr geht? Marta flitzt hin und her. Hat den Kopf voll To-Do-Listen! Sie hat Jesus aufgenommen, aber sie hat keine Zeit für ihn.
Endlich ist er mal da. Der Herr, der Meister, im eigenen Haus. Aber sie hat keine Ruhe, um sich mit ihm zu unterhalten. Denn sie ist von ihren Pflichten ganz in Beschlag genommen.
Von dem Druck, die vermeintlichen Erwartungen der anderen zu erfüllen, von dem Wunsch, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.
Kennt Ihr das? Man flitzt herum und verpasst das Wesentliche! Also – Marta rennt hin und her zwischen Küche und Wohnzimmer. Und da fällt ihr Blick auf Maria, ihre Schwester. Die sitzt da in aller Seelenruhe im Wohnzimmer. Sitzt auf dem Boden Jesus zu Füßen und hört ihm zu.
Maria ist der Gegentyp zu Marta. Maria erfasst die Chance, die in diesem Besuch liegt. Jetzt ist endlich mal Gelegenheit, Jesus, unseren Herrn und Meister, zu treffen, ihn besser kennenzulernen, ihm zuzuhören. Und so setzt sie sich mitten in dieser Männergesellschaft einfach hin und hört zu. Das passte überhaupt nicht ins Bild. Das machte man als Frau damals nicht. Und ich kann mir vorstellen, dass die Männer, die da neben ihr saßen, ihr komische Blicke zuwarfen nach dem Motto: Los, Mädel, ab in die Küche! Und auch Marta warf ihr Blicke zu. Wütende Blicke! Los, komm endlich! Ich hetze mich hier ab und du sitzt da rum!
Aber Maria scheint von diesen Blicken gar nichts mitzukriegen. Sie „hört dem Herrn zu“. Ist ganz in Beschlag davon genommen, seine Worte aufzunehmen. Alles andere ignoriert sie einfach.
Marta rennt weiter. Sie ist rot vor Anstrengung, aber auch rot vor Zorn. Und als sie dann mit einer Schüssel Rosinen ins Wohnzimmer kommt und Maria da noch immer hockt, da platzt ihr der Kragen. Sie knallt die Schüssel auf den Tisch und sagt zu Jesus: „Herr, macht es dir nichts aus, dass meine Schwester mich alles alleine machen lässt? Sag ihr doch endlich, dass sie mir helfen soll!“ Marta hat jetzt rausgelassen, was in ihrem Herzen vor sich ging. Ganz echt und ungeschützt. Sie ist sauer auf Maria. Und sie ist auch sauer auf Jesus, dass der das so mitmacht.
Nun gucken alle auf Jesus. Marta. Maria. Und alle anderen im Raum. Was wird der sagen? Alle hängen an seinen Lippen. Jesus sagt: Marta, Marta! Zweimal nennt er ihren Namen. Als müsste er sie erst mal von der Palme runterholen, auf die sie gestiegen ist. Marta, Marta! Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles. Jesus sieht das, wieviel Mühe sich Marta macht und wie sie ihr Bestes gibt für die Gäste. Jesus nimmt es wahr, und er erkennt das an. Und so nimmt Jesus auch uns heute wahr. Unseren Sorgen, unsere Zeitnot. Setz doch mal deinen eigenen Namen da rein: NN, NN! Nimm deinen eigenen Namen: NN, NN. Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles! Jesus, der Auferstandene, sieht es und weiß, wie es dir geht. Wie sehr du manchmal unter Dampf bist und wie mühsam das ist.
Und dann kommt das große Aber: „Aber nur eines ist notwendig.“ „Vieles“ und „eines“ – das wird hier kontrastiert. Du machst dir um vieles Gedanken, aber nur eines ist notwendig. Nun ist das, was Marta gemacht hat, ja nicht unwichtig. Gastfreundschaft ist ein hohes Gut. Sich um Gäste kümmern, Essen und Trinken bereitstellen, das ist ja nicht unwichtig. Es ist etwas Gutes. Es ist wichtig. Aber jetzt, in diesem Moment, ist etwas anderes noch wichtiger.
Jetzt ist Jesus da. Jetzt ist die Chance, mit ihm zusammen zu sein, ihm zuzuhören. Das ist jetzt das Wichtigste. Das ist jetzt das eine, das notwendig ist. Das wesentlich ist. Und da hat Maria eine gute Wahl getroffen. Jetzt kann ich ihn hören und darum stell ich alles andere zurück.
Alle Gastgeberpflichten, alle Erwartungen und Konventionen. Also, Marta, setz dich hin! Lass die Ziege laufen. Lass das Brot schwarz werden. Jetzt setz dich hin und hör zu! Ich habe den Eindruck, dass der Herr damit auch in unser Leben hineinsprechen will. Wir sind ja oft genauso wie Marta.
Ihr Lieben, vielleicht haben wir auch einmal Jesus in unser Leben aufgenommen. Wir haben gesagt: Ja, ich will Christ sein. Ich will Jesus, will Gott Platz geben in meinem Leben. Und nun sitzt er da im Wohnzimmer unseres Lebens, aber wir lassen ihn allein. Wir flitzen herum, sind immer beschäftigt. Gucken vielleicht mal kurz zu ihm rein, aber haben eigentlich keine Zeit für Ihn. Kennt Ihr das?
Jesus macht uns hier klar: Mit ihm zusammen sein, mit ihm sprechen und seinen Worten zuhören – das ist wichtig. Das ist notwendig. Das ist wirklich wesentlich und dafür sollten wir uns Zeit nehmen, auch wenn manches andere dafür liegen bleibt. Das Viele und das Eine. Das viele Wichtige und das eine Notwendige.
Man könnte ja jetzt denken: Also, Jesus will, dass wir immer schön beten und passiv sind und die Hände in den Schoß legen. Das ist notwendig und alles andere zählt nicht. Aber das wäre ein totales Missverständnis. Direkt vor unserem Abschnitt steht das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Das ist bestimmt kein Zufall. In dem Gleichnis stellt er den Samariter als Vorbild hin. Ihr kennt die Geschichte. Da liegt einer halbtot am Wegrand.
Ein Priester und ein Levit kommen vorbei. Fromme Leute, die im Tempel waren, die gebetet hatten. Die gehen vorbei und bleiben passiv. Helfen nicht. Und dann kommt ein Samariter und hilft diesem Menschen. Und Jesus stellt klar: In dieser Situation war Helfen das eine, das notwendig war. Das eine, das notwendig ist, ist also nicht immer das Gleiche. Es kommt auf die Situation an.
Als Jesus bei Maria und Marta auftauchte, da war eine besondere Gelegenheit. Und Maria hat diese Gelegenheit beim Schopfe gepackt und sich einfach zu ihm hingesetzt. Sie hat vieles Wichtige zurückgestellt, um das eine Notwendige zu tun. Und die Frage ist: Was ist wesentlich? Das ist gar nicht so einfach. Es ist oft nicht so, dass wir tausend unwichtige Sachen machen, die wir genau so gut lassen können. Was uns Zeitnot macht, ist ja, dass vieles wichtig ist: Unsere Partnerschaften, die Kinder, kranke Eltern, Beruf, Sport, ein Ehrenamt.
Das ist ja alles wichtig und fordert unsere Zeit. Aber nicht alles ist zu jeder Zeit gleich wichtig. Es kommt darauf an, einen Unterschied zu machen. Es ist entscheidend, das Wichtige zu tun und anderes liegen zu lassen. Ich bin da leider gar nicht gut drin. Wahrscheinlich wäre ich auch mit Marta rumgerannt. Und manches Mal habe ich erst im Nachhineingedacht: Mensch, da hast du jetzt das wirklich Wichtige verpasst.
Was ist wesentlich? Was ist das Wichtigste in all dem Wichtigen? Was ist jetzt, im Moment, das eine, das notwendig ist? Lass dich aus dem Trott und aus dem Korsett der Pflichten und Gewohnheiten herausholen! Wenn der passende Moment da ist, dann lass alles andere liegen!
Aber – um das herauszufinden, brauchen wir aber immer wieder Momente der Ruhe; solche Jesus-Momente, wie Maria sie hatte, wo wir uns zu ihm hinsetzen und auf ihn hören.
Maria und Martha – das sind die zwei Seiten der Glaubensmedaille. Und wir dürfen schauen,
welche Seite bei uns gestärkt werden möchte: das Hören oder das Tun. Jeder von uns hat 24 Stunden Zeit pro Tag. Irgendwo darin ist Platz für eine viertel oder halbe Stunde Stille und ganz Ohr sein für Gott. Zeit, um auf ein Wort der Bibel zu hören, zu erfahren: Gott nimmt mir Sorgen ab, Gott vergibt mir Fehler, Gott schenkt mir Liebe. Oder einfach nur: Gott ist da.
Bei mir. Auch wenn ich ihn nicht sehe. Und von den 168 Stunden der Woche kann ich eine Stunde für den Gottesdienst reservieren, in der Gemeinschaft aufatmen und erfahren: jetzt ist Jesus da. Wenn wir so auf Jesus, auf Gott hören, dann können wir ein Gespür dafür bekommen: Was ist im Leben wirklich wichtig? Was ist gerade jetzt für mich dran?
Auf diesem Weg entdecken wir auch, dass unsere Zeit ein Geschenk ist. Ein Geschenk, das uns der Schöpfer in die Hände legt – jeden Tag neu. Und so entdecken wir: Ja, ich habe Zeit. Habe heute Zeit. Zeit fürs Wesentliche.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der halte unseren Verstand wach und mache unsere Hoffnung groß und stärke unsere Liebe. Amen.